Klimawandel
Liebe NGU´lerinnen,
In der "Zeit" (Nr.45/2007 ) forderten jüngst Ludger Heidbrink, Claus Leggewie und Harald Welzer unter der Überschrift "Von der Natur- zur sozialen Katastrophe" die Lulturwissenschaften auf, einen stärkeren Beitrag zur Klimadebatte zu leisten. Dabei sei es an der Zeit, "(...) aus der Welt der Diskurse und Systeme zurück[zu]finden zu den Handlungen und Strategien, mit denen soziale Wesen ihr Dasein zu bewältigen suchen."
Ist es damit getan, der naturwissenschaftlichen eine sozial- oder kulturwissenschaftliche Perspektive gegenüberzustellen, die auf die "sozialen" Auswirkungen "natürlicher" Veränderungen (Klima) fokussiert? Sind v.a. aber nur die Kulturwissenschaftler gefragt, sich stärker an der Diskussion zu beteiligen, oder sollten nicht insbesondere die (ANT-geschulten) Umweltsoziologen hierzu eine Position diskutieren, die sich von der stark technizistisch- naturwissenschaftlichen Diskussion kritisch abhebt? Aber haben zur Zeit Beiträge überhaupt eine realistische Chance, auf Gehör zu stoßen, die sich nicht detailliert an den (naturwissenschaftlich dominierten) IPCC-Berichten orientieren? Und lässt sich die vielleicht gerechtfertigte Kritik der Realitätsvergessenheit tatsächlich mit einer Kritik á la "zu viel Diskurse" stärken, oder sollte nicht angesichts des starken gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Materialismus in der Klimadiskussion ein "sozialwissenschaftlicher Materialismus" AUCH und gerade den (m.E. bislang kaum wirklich diskutierten) KlimaDISKURS ins Zentrum rücken?
Ich fänd es prima, wenn die NGU zu diesem so zentralen Thema eine Diskussion führte, vielleicht mit dem Ziel eines Sammelbandes, der verschiedene Positionen einer solchen soziologischen Debatte zusammenführt?
Herzliche Grüße aus Passau,
Martin
Soziologische Beiträge zur Klima-Debatte? Ein Diskussionspapier von Stephan Lorenz 
Weitere "Zeit"-Artikel zur Klimadebatte
Link zum Blog "ClimateEthics.org"  Text von Marianne Klute ("Watch Indonesia") zu den Klimaverhandlungen auf Bali 
Diskussion
Martin Voss |
04.12.2007, 12:53:31 |
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| Liebe NGU´lerInnen,ich habe nun auch auf der NGU-Homepage eine Seite eingerichtet, wo die bisherige Diskussion noch einmal nachzulesen und weitere Quellen und Texte (von Euch!!) gesammelt werden können. Wer etwas zum Thema publiziert hat, den bitte ich sehr um Literaturhinweise, die ich dann dort aufliste!Bitte teilt mir mit, wenn jemand it seinem Beitrag aus dem öffentlich zugänglichen Blog gelöscht werden möchte. Sodann leite ich Euch unten einen Text weiter, der an einen früheren Diskussionsbeitrag von mir anschließt. Frau Klute von "Watch Indonesia" hat einen schönen Artikel dazu geschrieben.Herzliche GrüßeMartin Viele GrüßeMartin |
Stephan Lorenz |
01.12.2007, 13:22:44 |
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| Liebe Alle,nachdem sich die ersten Turbulenzen in der angelaufenen Klimadebattewieder gelegt haben, bin ich nun mit meinem Beitrag soweit...Da er dafür ein wenig ausführlicher geworden ist, hat ihn Martin insNetz gestellt: www.katastrophennetz.de/?KlimawandelIch hoffe natürlich auf weitere Diskussion und erinnere auch noch einmaldaran, dass Martin ja angeregt hatte, durchaus bereits vorhandene eigeneTexte zum Thema ebenfalls dort zu platzieren. (Ich kenne zum Beispieleinen Text von Martin selbst, der da bestens passen würde...:-)Grüße in die Runde,Stephan |
Till Westermeyer |
01.12.2007, 13:21:22 |
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| Hallo,ich kann Ralfs Plädoyer nur unterstützen. Aber ganz so einfach ist es trotzdem nicht. Ich schreibe meine Diss. ja nun genau in diesem Schnittstellenbereich zwischen Techniksoziologie und Lebensstilforschung im sehr weiten Sinne, um zu umweltsoziologischen Schlussfolgerungen zu kommen -- und merke da, deswegen auch meine vorhergehende Mail in dieser Debatte, dass es schon Bereiche gibt, wo die disziplinären Deutungsmuster aufhören. Ich kann was darüber aussagen, wie Menschen mit Waschmaschinen umgehen und warum sie meinen, sich für bestimmte Modelle und Waschpraktiken entschieden zu haben. Welches Waschverfahren -- wie auch immer mit welchem Lebensstil gekoppelt -- nun aber tatsächlich den geringsten Umwelt-Impact hat: da kann ich als Soziologie letztlich nur zu sagen, dass andere -- zum Beispiel das Öko-Institut -- dieses und jenes behaupten. Nur so als Beispiel für eine der Grenzen derartiger Ansätze.Schöne Grüße,Till |
Ralf Brand |
01.12.2007, 13:20:49 |
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| liebe kollegInnen,und hier noch ein kommentar von einem langjaehrigen stillen beobachterund unueblichen verdaechtigen der NGU. den stein der weisen kann auchich nicht bieten, vielleicht jedoch eine meta-frage: warum wird diedichotomie zwischen technik-orientierten und verhaltens-orientierten(incl. lifestyle) ansaetzen so weitgehend akzeptiert – offensichtlichauch unter umweltsoziologen? man braucht gar kein ANT experte zu sein,um zu sehen, dass technik und soziales unentwirrbar miteinander verwobenist, sich sogar gegenseitig konstituiert. unter dieser praemisse ist diebesagte dichotomie schnell als kruecke zu entlarfen - und zu verwerfen –die den diskurs unzulaessigerweise simplifiziert.dann musste es auch moeglich sein, den gesamtgesellschaftlichen diskursdarueber aufzuklaeren, dass der derzeitige technikfetischismus dennutzer als dummen, unzuverlaessigen, unerziehbaren, atomistischenegoisten sieht und mit technologien zu umgehen versucht, die in keinerweise auf den endnutzer angewiesen sind (atomenergie, wasserstoffautos,...). kurzum: soziologen und sozialwissenschaftlicher im allgemeinenmuessen kopfueber in technikdebatten springen um zu analysieren undaufzeigen wie lifestyles (i.w.s.) von technik und technik von lifestyles(i.w.s.) beeinflusst wird. dann koennten wir vielleicht zuloesungsvorschlaegen kommen, die eine art von technik ermoeglicht,welche alternative handungsmuster ermoeglicht. von dieser warte wirdeine co-evolution von technischem und sozialem wandel sichtbar und moeglich.aber vielleicht ist uns allen das bereits klar. was m.e. aberunbeantwortet bleibt ist die obige meta-frage: warum haelt sich diedichotomie und damit der technifetischismus und die ausblendung vonco-evolutionaeren ansaetzen so hartnaeckig? welche interessen verhinderneine gesunde verkomplizierung der debate? sind es profitgierigeproduzenten von technical fixes? sind es die medien, die von einfachenpolarisierungen leben? sind es akademische anreizstrukturen, die natur-und sozialwissenschaften auseinanderhalten? diese debatte waere quasiein diskurs ueber den diskurs. zugegeben, das ist ein exkurs vom juengstinitiierten diskussionsstrang, vielleicht aber dennoch ein spannender.gruss von der inselralf |
Davide Brocchi |
01.12.2007, 13:19:58 |
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| Hallo zusammen,ich bin in dieser Runde relativ neu und habe gerade versucht, die letztenEmails zu lesen und zu verstehen.Auch mir geht es nicht nur um die Theorie, sondern um das Problem: WelcheFragen stellen sich, wenn man mit einer epochalen Umweltkrise konfrontiertwird und etwas bewegen will? Warum können sich auch bewährte Lösungen nichtdurchsetzen? Wie kann man bestimmte dominante Strukturen (kultur- undsozialbedingte Strukturen) durchbrechen? Wie beeinflussen diese \"dominanten\"Strukturen unsere wissenschaftlichen Debatten? Usw.Zur Diskussion will ich nur hinzufügen, dass sich die Theorie an derWirklichkeit messen soll - und nicht umgekehrt.Eine weitere Frage, die sich zwischen den Zeilen stellt, ist: Darf eineWissenschaft ein gesellschaftliches (ethisches?) Ziel verfolgen? Darf eineWissenschaft engagiert sein? Und gilt dies nicht gerade für die Soziologie,weil hier Subjekt und Objekt kaum auseinander gehalten werden können? Odersoll auch diese Wissenschaft zum Selbstzweck verkommen? Eine weitereSelbstreferenzialität für eine weitere Elite von Experten werden, die sichals solche behaupten muss und will?Ich denke, dass gerade die Umweltsoziologie eine starke Wechselwirkung undeinen starken Austausch zwischen Praxis und Theorie benötigt.Gute NachtDavide |
Jan-Hendrik Passoth |
01.12.2007, 13:18:49 |
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| Liebe Liste!Ich wollte eigentlich gestern Abend schon antworten, nur war ich mir nichtso ganz sicher, wie meine Antwort sein sollte - da habe ich es auf heuteverschoben.Kurz gesagt, ich vermute, dass es bei der hier anstehenden Frage gar nichtunbedingt notwendig ist, zu fragen, welche Form von soziologischerForschung nun sinnvoller ist: diskursanalytische, Lebensstilnachhaltigkeits-orientierte, systemtheoretische ODER Aktor-Network-inspirierte Studiensind ja (nur/vor allem) im Ansatz unterschiedlich. Ich persönlich findesolche Debatten zwar spannend, aber nur in meiner kleinen Bücherkammersitzend. Wenn sie aber an die Stelle von Forschungen treten - also dominantwerden im sozialwissenschaftlichen Diskurs - dann sagt das was über diesenDiskurs, nichts aber mehr übers Klima oder den Klimadiskurs.Aber wie Latour auch so schön schreibt: \"Eher ist er (der Text, J.P ) dasfunktionale Äquivalent eines Laboratoriums. Er ist eine Stätte für Versuche,Experimente und Simulationen.\" (Latour 2007, S. 258) Man sollte wirklich,wieMartin schon zu Beginn vorschlug, mal den Versuch unternehmen, solcheTexte zu sammeln und nebeneinander zu stellen.Alles Gute und beste Grüße,Jan |
Till Westermeyer |
01.12.2007, 13:18:05 |
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| Liebe alle,ich finde die sich hier entfaltende Debatte durchaus spannend, und ichbevorzuge durchaus Varianten der ANT, die über Semiotik hinausgehen,dann kann ich mir da fruchtbare -- auch im Sinne des hier geforderten-- Grenzüberschreitungen vorstellen.Allerdings finde ich, dass wir den Deutungsrahmen der Soziologie nichtaus dem Blick verlieren sollten: wo endet soziales Handeln (samt dendamit gekoppelten Strukturen und Diskursen), und wo beginnt das Reichder Naturwissenschaft? Können wir -- als SoziologInnen, nicht alsengagierte BürgerInnen -- umweltfreundliches und umweltunfreundlichesHandeln überhaupt unterscheiden? (Oder, damit schlage ich mich geradebeim theoretischen Unterbau meiner Diss herum:) Ist Nachhaltigkeit füruns ein Diskurs neben anderen oder ein normativer Rahmen? Und wenn ja,was heißt dass dann für den Beobachtungsstandpunkt der Soziologie?(Und das frage ich, obwohl ich Falks Impetus eigentlich teile).Last but not least: es gab vor einiger Zeit, also in den späten 1980erJahren, die ähnlich gelagerte Diskussion um \"Umweltbewusstsein\"(Diskurse, Einstellungen, genuine Sozialpsychologie) undUmwelthandeln, die sich, soweit ich die Literatur dazu zur Kenntnisgenommen habe, letztlich im Kreis drehte und immer wieder nurfeststellen konnte, dass Handeln und Einstellungen nicht kausalzusammenhängen. Das sollte in Bezug auf Klimawandel nicht nochmalpassieren.Schöne Grüße,Till |
Falk Schützenmeister |
01.12.2007, 13:17:28 |
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| Liebe Birgit, liebe NGU,1. Die Formulierung \"nicht nur\" bedeutet Inklusion nicht Exklusion. Ich moechte auch die Mitglieder der Gruppe zu einer Diskussion ermuntern, die mit der ANT, die hier immer wieder als die angemessene Beschreibung von Natur und Gesellschaft behandelt wird, nicht vertraut sind oder diese fuer eine unangemessene Beschreibung von Gesellschaft halten. Fuer meine saloppe Formulierung (\"uebliche Verdaechtige\") moechte ich mich entschuldigen. Dennoch Foren sind keine wissenschaftlichen Texte.2. Nach nun ueber 5 Jahren Nachwuchsgruppe ist nur wenig ueber den Schutz der Umwelt gesagt wurden. Unsere Konferenzen haben aber gezeigt, dass viele in der Gruppe zu diesen Themen arbeiten. Die anschliessenden Diskussionen kehrten dennoch immer wieder zu den theoretischen Problemen zurueck. Meine These ist, dass diese Probleme eben Theorieprobleme nicht Umweltprobleme sind, nuetzliches Wissen aber vor der Loesung theoretischer Fragen produziert werden kann, die in der Soziologie erfahrungsgemaess eher unwahrscheinlich ist.3. Um die Spielchen um die Deutungshoheit und die persoenlichen Empfindlichkeiten auszuloten braucht es uebrigens keine Diskurstheorie sondern nur etwas Sensibilitaet. Dann wuerde man auch nicht auf die Idee kommen, dass einer, der sich nach Monaten und mehr oder weniger von aussen fuer eine breitere Diskussion einsetzt, alle anderen ausschliessen will. Man koennte es also auch anders herum sehen.4. Eine praktische Wendung von Diskursanalyse, Semiotik oder auch ANT waere natuerlich wuenschenswert. Kann jemand etwas dazu beitragen?Ich wuensche mir tatsaechlich eine Diskussion ueber einen moeglichen Beitrag der Soziologie zur Klimadebatte. Uebrigens reicht ein Blick auf die Internetseite des Ministeriums fuer Bildung und Forschung (www.bmbf.de), um die Dominanz ingenieurstechnischer Loesungsversuche des Klimawandels zu sehen. Eine Tendenz, die sich besonders unter Bildungsministerin Schavan und Umweltminister Gabriel massiv verstaerkt hat. Ist es legitim in den Sozialwissenschaften von einem gesellschaftlichen Wissensbedarf und nicht von der Theorie auszugehen? Soll man den technikorientierten Diskurs dekonstruieren oder ihn doch lieber beeinflussen?Auf eine breite Diskussion ALLERfreut sich Falk |
Birgit Peuker |
01.12.2007, 13:16:35 |
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| Lieber Falk, lieber Martin, liebe NGUler,ich finde es wirklich nett, dass sich mal über die Liste eine inhaltliche Diskussion entspinnt! Ich habeaber einige Verständnisprobleme der letzten e-mails:Ich habe das Gefühl, dass Falk in Opposition zu denjenigen treten möchte, die \"material-semiotischeVerwicklungen\" studieren wollen und selber die Umwelteffekte von Lifestyle messen will, um Soziologiegesellschaftlich nützlich zu machen und den Klimawandel aufzuhalten (?).Ohne jetzt die Diskussion über Sinn und Zweck von Wissenschaft im Allgemeinen und der Soziologie imBesonderen, die Falk hier geschickt eingeführt hat, weiterführen zu wollen, frage ich mich, was es dennheißt, etwas material-semiotisch zu studieren und wie man wohl Umwelteffekte des Lifestyles messenkönnte. Vielleicht sind die Methoden gleich, und alles andere (ob nun ANT odernicht, ob nun Diskurs oder Technizismus) ist nur ein Scheingefecht.Es wäre hilfreich, die Frage, die hier diskutiert werden soll, nicht negativ zu formulieren, im Sinne einer allzupauschalisierten Kritik alternativer Ansätze, sondern positiv, präziser. Welche Beobachtungen habt ihr gemachtund was leitet ihr daraus ab? Was wäre das Ziel einer systematischeren soziologischen Beobachtung?Ciao und viele Grüße: BirgitPS.: Falks email zeigt, wie wichtig auch immernoch die Untersuchung von Diskursen ist, schließlich praktizierter ja Regeln des Diskursausschlusses (Keiner darf auf seine e-mail antworten, der ANT, Diskursanalyse odergar \"Natur\" in den Mund nimmt ,-). Wer ist denn nun berechtigt, zu antworten? Und, kann man diejenigen,die schweigen wollen dazu bringen, sich zu exponieren? Oder werden sie zum Schweigen gebracht? |
Falk Schützenmeister |
01.12.2007, 13:15:34 |
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| Liebe NGU-ler,die semiotische Debatte mag interessant sein und den einen oder anderen Verblendungszusammenhang entlarven. Das wird leider weder dem Klimawandel aufhalten noch High-Tech-Firmen darin hindern, ihre scheinbaren Alternativen (Biofuels) fuer Millionen zu vermarkten sondern die Soziologie noch weiter in die Ecke der nutzlosen Wissenschaften treiben. Es sei daran erinnert, dass im IPCC-Prozess Sozialwissenschaftler aller Richtungen teilnehmen, Soziologen aber rar sind. Man kann dennoch fragen, warum die technischen Wissenschaften in der Klimadebatte bevorzugt werden. Da ist zum einen eine Kultur soziale Probleme politisch mit technischen Mitteln zu bearbeiten. Und wie ich auf einer Konferenz letzte Woche in San Francsico erfahren habe, lassen sich das Verhaeltnis von Kilowattstunden zu Treibhausgasemissionen oder auch Miles per Gallon eben gut berechnen. Alle Praesentationen drehten sich um die Frage, wie kann der bestehende Lifestyle energieeffizienter gestaltet werden. Niemand stellte dagegen den Lifestyle selbst in Frage. Nun glaube ich nicht, dass es eine realistische Politik waere, zurueck aufs Land zu ziehen zumal das Land einen enormen Beitrag zum Klimawandel liefert. Aber die Potentiale fuer Aenderungen sind enorm. Die Frage ist natuerlich, wie macht man den Klimaeffekt von Lifestyle- und Infrastrukturaenderungen messbar? Das waere eine Voraussetzung dafuer, soziologische Ansaetze kurzfristig politisch umsetzbar zu machen. Aufklaerung waere ein zweites, langwierigeres Projekt, welches aber nur erreicht werden kann, wenn der Adressat soziologischer Forschung wieder ein breiteres, wenn auch gebildetes Publikum waere. (Viele beruehmte klassische Studien hatten vor allem in Amerika diesen Anspruch, inzwischen dominieren einflussreiche Wissenschaftsjournalisten das Feld). Ich halte weder die ANT, noch die Diskursanalyse oder die Semiotik fuer sehr aussichtsreiche Kandidaten. In einer gewissen Weise geht es um bessere \"Techniken\" sozialer Problemloesung und nicht nur um den Nachweis der unentrinnlichen Tatsatche, dass alles irgendwie sozial konstruiert und durch Machtstrukturen gepraegt ist (was schliesslich auch fuer die Sozologie gilt. Wissenschaftliche Spezialtheorien sind per se Elitediskurse um Deutungshoheit. Das die Soziologie in diesen derzeit verbittert ist, scheint verstaendlich.). Fuer eine aufklaerende Soziologie waeren Studien in der Tradition der amerikanischen Sozialforschung allemal nuetzlicher als semiotische Argumente, mit denen man niemanden ueberzeugen kann, den 20l-Truck abzuschaffen oder den Zug zu nehmen. Auch die Maechtigen werden sicher kaum beeindruckt sein. Uebrigens gab es ein interessantes - wenn auch zynisches - Argument auf der Konferenz bezueglich der schnell wachsenden pro-Kopf-CO2-Emissionen in China (die immer noch weit hinter denen der USA liegen): Wuerde man warten bis in der Weltpolitik Gerechtigkeit Einzug gehalten hat, waere es fuer die Erde allemal zu spaet. Dies gilt noch mehr fuer die Laender der dritten Welt. Ist ein Ansatz mittlerer Reichweite innerhalb bestehender Spielraeume nicht ein lohnendes Ziel? Gerechtigkeit waere dann eine Perspektive aktuellen Handelns (die es unbedingt einzuhalten gilt) und nicht des Gesamtsystems.Ich habe mich in letzter Zeit etwas rar in der Nachwuchsgruppe gemacht, weil ich finde, dass sie auf der Stelle tritt und Theorieprobleme waelzt, statt sich die Frage zu stellen, wie soziologische Forschung nuetzlich fuer die Umwelt sein koennte. Leider ist die Situation charakteristisch fuer grosse Teile des Faches, dass die sozialen Probleme zugunsten akademischer Diskussionen aus den Augen zu verlieren scheint.Unsere ANT-Debatte war sehr interessant und nuetzlich. Schliesslich hat sie ein Bewusstsein fuer die Schwierigkeiten sozialer Theorie aufgezeigt, besonders dann, wenn es um die Natur geht. Ich bin von dem Ergebnis nicht ueberzeugt, dennoch hat die Diskussion ein gutes Ergebnis gezeitigt, mein Kompliment. Worueber arbeiten aber die anderen 80 Mitglieder der Gruppe, die ich hiermit zu einer |
Martin Voss |
01.12.2007, 13:14:23 |
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| Lieber Jan, lieber Stefan, liebe NGU,arbeitet hier jemand in der von Jan angedeuteten Richtung? Gibt es Projekte, die den Klimawandelderart zu begreifen versuchen? Ich denke, die Untersuchung der semiotischen Verwicklungen ist in derTat nicht abzuschließen, wie es in dem Zeit-Artikel anklang, sondern erst zu eröffnen.An einem Beispiel will ich einmal provokativ verdeutlichen, wo ich den Diskussionsbedarf sehe. Eswird gegenwärtig mit Blick auf die sog. Entwicklungsländer viel über Fragen der \"Klima-\"gerechtigkeit diskutiert. Die Richtung geht in aller Kürze etwa dahin, dass die in ihrerökologischen Erneuerung, sprich bei der Umstellung auf regenerative Energien und effizientereTechnologien unterstützt werden müssten. Im gleichen Zuge wird freilich gefordert, diese Ländermüssten sich, insbesondere ihre Industrieproduktion umstellen. Im Falle Indonesiens sieht es jedochso aus, dass Millionen Menschen heute schon den Klimawandel zu spüren bekommen, weil großflächigAckerfläche und Regenwald für den Palmölanbau \"aufbereitet\" wird, sie von diesen Flächen vertriebenoder de facto in Leibeigenschaft getrieben werden. Summiert man derartige \"Nebenwirkungen\" desKlimadiskurses, dann ist der Klimawandel längst ganz und gar \"real\" für diejenigen, die immer schonam meisten \"vulnerabel\" waren - während die \"Klimagerechtigkeitsverfechter\" die erhöhteVulnerabilität an den geringen Mitteln ausmachen, die \"die Armen\" zur Bewältigung der Folgen haben.Klimagerechtigkeit pervers, sozusagen.Der Diskurs ist m.E. auf eine naturwissenschaftlich- instrumentelle Basis fixiert und trägt damitall jenen kolonialistischen Ballast mit sich, den zu entlarven die Diskurstheorie bzw. der(De-)Konstruktivismus angetreten war. Ist das der Zeitpunkt zu sagen: Ende der Diskursdebatten?Freilich, die Untersuchung der material-semiotischen Verwicklungen ist aufwendig. Aber es bedürftestets nur einen Teil dessen an Mitteln, die für klassisch naturwissenschaftliche oderTechnologieentwicklungsforschung ausgegeben werden. Man stelle sich einmal vor, wie viele(Postsozial-)Forscher ins Feld geschickt werden könnten, denn billig - ich meine günstig, sind wirdoch nun wirklich, oder?Viele GrüßeMartin |
Jan-Hendrik Passoth |
01.12.2007, 13:11:24 |
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| Lieber Martin,schön, mal wieder deinen Namen zu lesen. Über den Artikel in der Zeitbin ich auch gestolpert und hatte bis zur Hälfte des Textes einen eherpositiven Eindruck. Bis dann das \"Weg von den Diskursen\" mich ausmeinen Hoffnungen schüttelte, auch populäre Sozialwissenschaft könntesich auf ANT Experimente einlassen.M.E. nach ist die Alternative, die einem ein relationaler Materialismus(Law) offen legt, geradezu die Möglichkeit, das entweder/oder (Klimawandel/Klimadiskurse) hinter sich zu lassen. Statt dessen ginge es darum, dievielenModes of Ordering, die lang- und kurzfristigen material-semiotischenVerwicklungen zu untersuchen, mit denen Klimadiskurse und Klimawandelerzeugt werden.Das wäre in der Tat ein spannendes Projekt. Und ich melde hiermit Interessean...Viele Grüße,Jan |
Stephan Lorenz |
30.11.2007, 21:42:30 |
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| Hallo,für manche Interessierte vielleicht noch ein anregender Hinweis: Dieletzte Ausgabe (Sept. 2007) der Zeitschrift Politische Ökologie (oekomVerlag) versammelt eine ganze Reihe mehr oder weniger prominenterBeiträge zu unterschiedlichen Aspekten der Klimawandel-Debatte.Grüße, Stephan |
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